Deichkind: Porky und Philipp über den Tod ihres Produzenten Sebi, ihre neue CD und illegale Downloads
Wie geht eine Partyband mit dem Tod um? Deichkind fingen als HipHopper an und wurden in den letzten Jahren als Elektrotechnorapper vor allem live zum Großereignis. Am 21. Februar 2009 starb ohne erkennbare Ursache ihr Produzent Sebastian „Sebi“ Hackert. Mit 32 Jahren. Wie Deichkind mit dem Schicksalsschlag umgegangen sind und was Hackerts Tod für das neue Album „Befehl von ganz unten“ bedeutet, erläutern die Frontmänner Porky (33) und Philipp (37) beim Gespräch mit Steffen Rüth.
Frage: Wie habt ihr reagiert, als ihr von Sebastian Hackerts Tod erfahren habt?
Philipp: Mit Schockstarre. Das war ein extrem heftiger Schock, mit so etwas hätten wir überhaupt nicht gerechnet. Wir lagen erst einmal ein halbes Jahr brach und sind in der Zeit
trotzdem aufgetreten. Wir funktionierten nur noch.
Porky: Gerade weil wir solche Partybratzen sind und unsere Konzerte für Spaß, gute Laune und Chaos stehen, war es eine unheimlich heftige Situation.
Frage: Die Show musste weitergehen?
Porky: So blöd das klingt – ja. Genauso haben wir das empfunden. Der Tod ist letzten Endes allgegenwärtig, die Trauer ist immer da. Du kriegst sie nicht weg, auch nicht mit
Alkohol. Wenn du dich abschießt, wird es eher schlimmer.
Philipp: Im ersten Moment haben wir nicht viel übers Weitermachen nachgedacht. Das erste Konzert kam dann einfach.
Porky: Ich bin selbst Vater und habe Verantwortung. Doch am Anfang dachte ich „Wenn es ihn wieder lebendig macht, würde ich mich für ihn hergeben“.
Frage: Stand es zur Debatte, Deichkind zu beenden?
Philipp: Sebi war selbst so ein Immer-Weitermachen-Typ. Er hat Deichkind wirklich geliebt und nie daran gezweifelt, wie großartig diese Band ist. Er hätte nicht gewollt, dass wir
aufhören.
Porky: Die Karten wurden neu gemischt. Bis heute ist nicht klar, woran er gestorben ist. Er war einfach tot, Herzinfarkt. Wenn jemand so jung stirbt, dann will er dir damit etwas
sagen. Für ganz viele Menschen sind durch seinen Tod die Wege neu gezeichnet worden.
Frage: Er war euer musikalischer Kopf?
Philipp: Sebi war kein Songwriter. Die Mucke machen hauptsächlich Porky, Ferris und ich. Er war sozusagen unser Schlussredakteur. Er hat mitproduziert und gesagt „Die
Nummer ist geil“ oder „Die Nummer ist scheiße“. Vor einigen Jahren haben wir uns ja praktisch komplett neu aufgestellt, wir ließen den klassischen Sprechgesang hinter uns und
entschieden uns fürs große, bunte Spektakel. An dieser Neuausrichtung war er maßgeblich beteiligt.
Frage: Geht es in eurer neuen Single „Bück dich hoch“ ums Ausgenutztwerden, ums Ausbrennen?
Philipp: Es geht ums Durchhalten, um den Glauben an sich selbst.
Porky: Ich kenne Kollegen, die haben tierisch Erfolg, viel mehr als wir. Aber dadurch werden sie noch getriebener und haben noch viel mehr Schiss. Ich glaube, das ist so ein
Urinstinkt, den die Natur uns mitgegeben hat: Weglaufen, wenn der Löwe kommt. Dieses unbestimmte Zukunftsangstding kommt in vielen unserer Texte vor. Bei mir ist diese Panik nicht mehr so schlimm
wie noch vor Jahren.
Philipp: Ich habe einen Kumpel, der rennt jeden Tag in seine Agentur, bekommt ein Hammergehalt, aber ist nicht glücklich. Die meisten meiner Freunde machen etwas ganz anderes und
fragen mich bis heute „Mensch, verdienst du denn mit Deichkind überhaupt Geld?“ Ja, tue ich. Wenn du es richtig machst und ernst nimmst, dann wird das auch was. Und diese Zweifel, die
wir immer haben, die gehören dazu. Natürlich stehen wir auch mal im Studio und denken „Verdammt, das wird nichts“. Aber dann macht man weiter. Weil es ja doch Spaß macht.
Frage: Wie wichtig ist für euch dieser Spieltrieb?
Porky: Der ist entscheidend. Wir sind erwachsene Männer Mitte dreißig, aber wir werden auch immer die ewigen Kinder sein. Ich war in der Schule der Kasper, der sich nicht
konzentrieren konnte. Ein verstecktes, überaktives Talent, dem die Lehrer sagten, dass aus ihm nichts wird. Schule war der Horror, Musik galt als brotlose Kunst, und trotzdem habe ich diesen
Lebensweg eingeschlagen und werde heute dafür belohnt. Aber wir sind auf jeden Fall Freaks.
Philipp: Das Glücksgefühl ist noch das gleiche wie früher in unseren Schülerbands. Und für diesen jugendlichen Überschwang müssen wir nicht viel tun, der ist einfach immer da bei
uns. Wir freuen uns immer noch über alles.
Frage: Auch darüber, dass eure Fans die Deichkindsongs ohne zu bezahlen aus dem Netz laden? Oder wovon handelt die Nummer „Illegale Fans“?
Porky: Wir haben nichts dagegen, wenn die Leute unsere Musik illegal downloaden. Wenn die das gern möchten und zu unseren Konzerten kommen, dann sind wir da nicht so streng. Wenn
jemand zu mir sagt „Ich finde eure neue Scheibe voll geil“, dann interessiert mich nicht, ob er die gesaugt oder gekauft hat. Hauptsache, ihm gefällt das, was wir machen.
Foto: dpa
